
Hundepsychologen kennen das Phänomen: Hunde, die in Frauchens und Herrchens Abwesenheit die gesamte Wohnung demolieren, die vor Angst anfangen zu zittern, wenn der Halter sich ausgehfertigt macht, die den ganzen Tag bellen, wenn sie alleine gelassen werden. Solchem Verhalten kann man nicht nur vorbeugen – man kann es auch weitgehend abtrainieren.
Ferdi weiß genau, wann es so weit ist. Wenn Frauchen zur Garderobe geht. Die Schuhe anzieht. Nach dem Mantel greift. Den Schlüssel vom Haken nimmt und die Türklinke herunterdrückt. Spätestens dann weicht der Setter nicht mehr von ihrer Seite, bellt, winselt und möchte unbedingt mitkommen. Hat Frauchen schweren Herzens die Tür hinter sich geschlossen, hört sie ihn noch bellen, bis sie beim Auto angekommen ist. Die Nachbarn haben sich bereits beschwert, einer hat sogar nachgefragt, was sie eigentlich mit ihrem Hund anstellen würde, weil er den ganzen Tag bellt und winselt.

Die Gründe für solch ein Verhalten sind sehr unterschiedlich, ganz wie die Hunde selbst. Trennungsangst ist nicht zwangsläufig anerzogen. Ein gewaltiges Gewitter, bei dem der Vierbeiner zufällig allein zu Hause war, eine Silvesterknallerei in Abwesenheit von Frauchen und Herrchen, aber auch Veränderungen im Lebensrhythmus des Halters können die Ursache sein.
Ein erfahrener Tiertherapeut besucht die Patienten in der Regel zuhause. Sie versuchen, so viel wie möglich über den Hund zu erfahren – im besten Fall auch, woher die Angst ursprünglich kommt. Doch selbst wenn das nicht herauszufinden ist, beispielsweise weil das Tier aus dem Tierheim stammt, kann therapiert werden. Zeit und Geduld sind notwendig, wobei die meisten Halter den Aufwand nicht scheuen, im Gegenteil. Wenn ein Hund solche Ängste hat, geht für beide, Hund und Halter, oft ein großes Stück Lebensqualität verloren. Umso größer die Erleichterung, wenn Frauchen und Herrchen merken, dass sie etwas tun können.
„Desensibilisierung“ heißt das Zauberwort aus der Verhaltenstherapie. Es bedeutet, das Tier Schritt für Schritt mit der angstauslösenden Situation zu konfrontieren – so langsam und so häufig, bis diese Situation zur Normalität wird. Ein Beispiel: Der Hund merkt, dass Frauchen die Schuhe anzieht. Er wird unruhig. Nun zieht Frauchen so oft die Schuhe an und wieder aus, bis das Tier nicht mehr darauf reagiert. Das Gleiche gilt für den Griff zur Jacke. Für den Gang zur Haustür Für den Griff zur Handtasche, zur Türklinke.

Wichtig dabei sind nicht nur die Reaktionen und der Lernprozess des Tieres. Gerade auch der Mensch muss umdenken. Er muss lernen, dass es ganz normal ist, das Haus zu verlassen – ohne den Hund mit Mitleid, Streicheleinheiten und Koseworten zu überschütten. Suggeriert der Mensch, dass sein Verhalten doch eigentlich völlig normal ist und führt er die einzelnen Schritte oft genug durch, lernt das Tier, dass es keine Angst haben muss.
Mit der Desensibilisierung lassen sich selbst Ängste vor Gewitter, Silvesterknallerei oder anderen Geräuschen verringern. Dies bedeutet zwar nicht, dass der Hund bei Silvester oder Gewittern künftig völlig cool bleibt – schließlich spielen auch Gerüche, Luftdruck und Schwingungen eine Rolle. Aber er wird besser damit umgehen können.